Notes on Coping with the Present

Emma Barbieux: A Commentary on Writing Routines (May 2026)

Every morning for the past thirty years, Belgian novelist Amélie Nothomb has written from 4am to 8am. She uses a pen and paper, she avoids computers. She claims to have tried all imaginable substances and has come to find that her preferred writing fuel is, fortunately, legal: large quantities of intoxicatingly strong black tea, always drunk on an empty stomach. She does not start eating until after her compulsory four hours of writing.  Oftentimes, she only eats at dinner time. Around midday, possibly before, she sets aside her black tea and almost exclusively drinks Champagne. Her writing routine over, she typically spends the rest of her day responding to fan mail, by hand. Night falls, dawn breaks, and here she goes again, her pen gliding across the page while the rest of the world gives alarm clocks the silent treatment. She does so, and will keep doing so, every day with no exception. Neither illness nor heartbreak, nor loss, nor the end of the world, could justify breaking the habit.

Early hours, strict focus, the same rhythm repeated with near-monastic deference. I suspect that if time were to suddenly stop, Nothomb’s schedule would continue, unaffected, politely asking reality to get a grip.

Would this routine work for PhD researchers? I wonder. We have learned to treat writing as a work of patience. We carefully plan it, we outline it. We conduct extensive research to add substance to whatever it is we eventually hope to write. When necessary, some of us complement writing with prayer. We sit back, stare at the white wall before us, and appeal to the Muse assigned to distressed doctoral students for the smallest fragment of inspiration. What trajectory would our work take, were we to treat writing as a law of its own? If we were to write not only because we feel ready, or because we finally know what to write, but simply because it is what happens at that hour, always and forever, just like dawn happens without anyone earning it?

In the course of one year, Nothomb typically writes four novels. She publishes one book a year. If we were to find the right tea, could we write four theses in a year? Twelve in three years? Radical consistency may be the way to go, if these are the results. After our writing hours, we could spend the rest of the day sipping Champagne and lavishly responding to the closest we have to fan mail: praise from our supervisors, no doubt astonished by the sheer volume of our output.   

What a truly flawless plan.   

Eva Obier: A Commentary on the German Bookstore Award (April 2026)

Die Kernthemen unseres Kollegs, Literatur und Öffentlichkeit, sind schon seit Jahrhunderten eng miteinander verknüpft. So ist es ein entscheidendes Merkmal unserer Demokratie, dass frei publiziert, herausgegeben und geschrieben werden kann.

Schon seit 2015 wird der Deutsche Buchhandelspreis für unabhängige, inhaber:innengeführte Buchhandlungen verliehen. Ausgezeichnet werden dabei diese, „die ein literarisches Sortiment oder ein kulturelles Veranstaltungsprogramm anbieten, die innovative Geschäftsmodelle verfolgen oder sich im Bereich der Lese- und Literaturförderung engagieren“. Unter den diesjährig nominierten 118 Buchhandlungen befanden sich unter anderem The Golden Shop (Bremen), der Buchladen Rote Straße (Göttingen), sowie die Buchhandlung Zur schwankenden Weltkugel (Berlin). Doch diesen drei Buchhandlungen wurde der Preis vom Kulturstaatsminister Wolfram Weimer verwehrt und erstmalig seit Verleihung des Buchhandlungspreises der Entscheidung der fachlichen Jury widersprochen. Skandalös ist aber nicht der Bruch der Konvention, sondern der Grund dafür: Es seien „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ über die Buchhandlungen bekannt und daraufhin wäre geboten, wie das Kulturstaatsministerium klarstellte, „Extremismus in jeder Form entschlossen und konsequent zu begegnen“.

Zur allgemeinen Beruhigung kann nur der mediale Backlash zu dieser Entscheidung beitragen. Ebenso der breite Rückhalt und die Empörung wichtiger Institutionen des Literaturbetriebes. Von der Kurt Wolff Stiftung, die einst an der Etablierung des Preises beteiligt war, über den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, den PEN Berlin bis hin zu einer breiten Masse an unabhängigen Verlagen und Buchhandlungen hören wir kritische Stimmen. Nur von Solidarität aus dem Literaturbetrieb können die betroffenen Buchhandlungen nicht überleben, immerhin verlieren sie nun mindestens 7.000€ Preisgeld, das zum Beispiel ein Jahr lang eine Aushilfe oder eine:n Auszubildende:n finanziell absichern würde. Die Nachricht, dass die zwei der drei Buchhandlungen für Hauptpreise mit einem deutlichen höheren Preisgeld nominiert gewesen sein sollen, ist umso schockierender. Der Eingriff des Kulturstaatsminister wäre noch signifikanter! 

Die weitreichendste Auswirkung bleibt allerdings das Signal, dass mit einer solchen Entscheidung gesendet wird. Buchhandlungen, die der zunehmenden autoritären Wende entschlossen mit einem dezidiert linken politischen Anspruch und einem entsprechenden kulturellen Programm entgegentreten, steht der deutsche Staat nicht bei, sondern schließt sie von seinen Preisen aus. Der Grünen-Kulturpolitiker Sven Lehmann beschreibt es richtig: Durch solche Entscheidungen entstehe „ein Klima der Vorzensur, in dem Kultur nicht mehr angstfrei arbeiten kann“. Denn „gerade mit Blick auf die USA sollte ein Kulturstaatsminister alles dafür tun, ein solches Klima nicht zu erzeugen.“.

Und auch ich, die ich mich als Wissenschaftlerin in meinen Arbeiten maßgeblich mit Literatur und Öffentlichkeit in vielseitigen Facetten beschäftige, sehe darin einen maßgeblichen Einschnitt in den Literaturbetrieb, der so niemals hätte stattfinden dürfen. Ich fordere die Akteur:innen der Wissenschaft und des Literaturbetriebes auf, sich solidarisch hinter die betroffenen Buchhandlungen zu stellen, und möchte dabei die Forderung einer Aufklärung und eine transparente Offenlegung der Gründe für die Ausschließung von The Golden Shop, der Buchladen Rote Straße und der Buchhandlung Zur schwankenden Weltkugel vom Buchhandelspreis 2026 hervorheben.

Unsere Projekte im GRK 2806 zeigen in vielschichtigen Analysen auf, wie wichtig es ist, den Literaturbetrieb und seine Verbindung zur Öffentlichkeit kritisch wissenschaftlich zu begleiten. Sie sind nicht nur rein wissenschaftliche Beiträge, sondern erzählen gleichermaßen von den unterschiedlichsten Formen der politisch-literarischen Intervention. Gerade heute in Zeiten, in denen viele Errungenschaften der sozialen Bewegungen in Frage gestellt werden, ist es wichtig, dass wir Literatur nicht nur kritisch von außen begutachten, sondern auch ihren Wert für eine freie, demokratische Gesellschaft betonen. So gehen die Arbeiten nicht nur postmigrantischem Schreiben, den Einflüssen von KI, den historischen Verflechtungen mit der neuen deutschen Frauenbewegung oder der Aufarbeitung der NS-Zeit nach, sondern auch den jeweiligen Kulturpolitiken, die damit einhergehen. Es ist unser aller Aufgabe, auch weiterhin für die Sicherung demokratischer Prozesse einzustehen.

Philipp Bräuner: A Commentary on the Stasi-Museum Leipzig (February 2026)

Als Graduiertenkolleg interessieren wir uns nicht nur dafür, unter welchen Bedingungen Literatur entsteht, sondern auch, welche Auswirkungen sie auf Öffentlichkeit(en) zeitigt. Wenn nun aber Öffentlichkeit, wie sie Friedhelm Neidhart fasst, den Ort meint, „wo ein Sprecher vor einem Publikum kommuniziert, dessen Grenzen er nicht bestimmen kann“, und dieser Sprechakt „prinzipiell mit hohen Ungewißheiten und mit einer starken Wahrscheinlichkeit von Überraschungen“ einhergeht, wie darf man sich dann überhaupt eine Wirkung von Literatur auf diese unübersichtliche, ungewisse und potenziell überraschende Sphäre vorstellen?

Eine Möglichkeit, diese Wirkung literarischer Texte in einer Öffentlichkeit zu betrachten, so dachte ich bei einem Besuch des Museums Runde Ecke in Leipzig, könnte die Reaktion der Mächtigen sein, die sie hervorrufen.

Zwischen Abhöranlagen und Spionageverkleidungen geht jenes kleine Stück Literatur fast unter in den vollgepackten Räumen des Stasi-Museums. In dünnem Kugelschreiber-Strich geschrieben, lese ich: „Im Schatten einer plötzlichen Weltstadt // übermannt mich die Vielfalt,“ den Anfang eines Protestgedichts gegen das Sportfest 1987 in Leipzig. Nicht nur die zugehörige propagandistische Inszenierung samt Massenchoreografien waren damals einigen Leipziger:innen offenbar sauer aufgestoßen: „Massen von Menschen // Übungsverbände // Truppenteile (…) erst faszinierend, dann erschreckend“.

Zart und zerbrechlich mutet das Zettelchen an. Es handelt sich offenbar um das Manuskript für einen klandestinen Poesie-Protest gegen das Spektakel. Für diesen wurden besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen, verrät der Ausstellungstext: „Der Text wurde mit verstellter Handschrift und Kohlepapier vervielfältigt und nachts noch während des Sportfestes von den Initiatoren an Leipziger Hauswände, Telefonhäuschen und Straßenbahnhaltestellen geklebt.“

Nicht ohne Grund war man so vorsichtig, waren solche Aktionen offenbar geeignet, heftige Reaktionen des Staatsapparats zu provozieren. Heftig, in diesem Fall aber erfolglos, wie es scheint: „Dem MfS gelang es trotz eines großen Aufwandes (Schriftfahndungen, Geruchsproben, Operative Personenkontrollen, etc.) nicht, die Flugblattschreiber ausfindig zu machen.“

Natürlich ist es eine Heldengeschichte des Widerstands, die in dieser Ausstellung erzählt wird. Letzterer wurde bereits wiederholt eine teils unzeitgemäße Darstellung der DDR-Staatssicherheit vorgeworfen. Das Gedicht selbst stößt jedenfalls in seiner Polemik weit vor, wenn es schließt: „Wir waren schon mal soweit! // Wir waren schon mal bereit! // Ich denke an die Nazizeit!“

Diese nahezu glorifizierende Darstellung des kleinen Aktes von Widerstand relativiert jedoch nicht, dass hier das große Geheimdienst-Besteck für ein kurzes Protestgedicht ausgepackt wurde. Doch reicht das denn schon, um die Wirkung von Literatur auf eine Öffentlichkeit zu beurteilen? Müsste der Text dafür nicht nachweislich rezipiert werden? Oder genügt nicht doch schon die repressive Reaktion eines Sicherheitsapparats, um dem Gedicht seine Wirkmacht oder zumindest deren Potenzial zuzugestehen?

Apropos Wirkung: Anhand der Materialität des Manuskripts lässt sich vielleicht noch etwas für die konkrete Öffentlichkeit des Museums erkennen. Denn ungeschützt durch eine Vitrine ist der Zettel an eine Pinnwand geheftet. Das Papier könnte also unbemerkt abgerissen werden – sofern sich jemand davon provoziert fühlte. Doch das Gedicht überdauert, während die Stasi längst Geschichte ist. Hat der Text dazu einen Beitrag geleistet?

In seinem Promotionsprojekt zur Lyrikreihe Poesiealbum (1967–1989/90) widmet sich unser Kollege Eyk Akansu der Lyrik in der DDR. Dabei geht es auch um deren Begründung in einem als Druckgenehmigung bezeichneten Verfahren obligatorischer Vorzensur.