Ein interdisziplinäres Handbuch
Herausgegeben von Karin Höpker, Antje Kley, Dirk Niefanger und Antonia Villinger
Metzler/Springer Nature
Ohne Öffentlichkeit gibt es keine Literatur, und Literatur erscheint in ihren vielfältigen Publikationsformen und ihren unterschiedlichen Adressierungen bis heute als unverzichtbarer Taktgeber öffentlicher Meinungsbildung. Dieser Chiasmus markiert zugleich die Aktualität des Handbuchs, den methodischen Zugriff seiner Artikel und erklärt seine kulturtheoretische Relevanz. Es setzt sich zum Ziel, die Interdependenzen zwischen Literaturen und Öffentlichkeiten für ein breiteres Fachpublikum (Wissenschaftler:innen, Studierende, Lehrkräfte) greifbar zu machen. Es setzt dabei auf einen Literaturbegriff, der soziokulturelle Kontexte, politische Rahmenbedingungen, (Inter-)Medialität und Medienkonkurrenzen, Kulturinstitutionen (Bibliotheken, Lesezirkel, Akademien usw.) und den Literaturbetrieb als Analyseumfeld und -gegenstand literarischer Produkte notwendig mit umfasst. Unser Verständnis von Literatur sieht das Buch als nur eine mögliche Vermittlungsform neben anderen an; es bedenkt gleichermaßen digitale, mündliche, visuelle und andere performative Literaturen. Das Handbuch favorisiert einen reflektierten kulturwissenschaftlichen Zugriff und einen umfassenden Literaturbegriff.
Das Handbuch ist nicht nationalsprachlich gebunden, sondern fokussiert Literaturen unterschiedlicher Kulturräume (vorwiegend englisch-, deutsch-, französisch-, spanisch- und russischsprachig), wobei ‚kleine Literaturen‘ und Minderheitenkulturen der ehemaligen Kolonial- und Siedlungssprachen und ihre Öffentlichkeiten auf verschiedenen Kontinenten einbezogen werden. Hierbei verlässt sich das Handbuch auf die unterschiedlichen disziplinären Expertisen seiner Autor:innen. In komparatistischer und transnationaler Perspektive berücksichtigen wir praxeologische, soziale, mediale, materiale, ethische und ökonomische Aspekte literarischer Kommunikation. Im Fokus stehen Literaturen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Alle sind aber durch eine mehr und mehr bestimmende Globalisierung, spezifische, aber durchaus zueinander ins Verhältnis setzbare politische Konstellationen, mediale Transformationen, die Technisierung des alltäglichen Lebens und durch sich jeweils verändernde Öffentlichkeiten geprägt.
Ziel des Handbuchs ist die Darstellung von Ermöglichungs- und Wirkungsbedingungen literarischer Produktion in unterschiedlichen Öffentlichkeiten. Der Zeitraum, auf den sich unsere Überlungen beziehen, ist die Gegenwart. Im Fokus der Artikel soll Literatur stehen, die ab 1945 publiziert worden ist. Historische Bezüge sollen dann hergestellt werden, wenn sie für den Gegenwartsfokus relevant sind. Eine Ausnahme stellen die globalhistorischen Dimensionen in Abschnitt vier da. Die Literaturen werden hinsichtlich ihrer spezifischen Eigenheiten, Potentiale und Funktionen, erstens als Seismographen häufig widersprüchlicher kultureller, medialer und sozialer Entwicklungen, zweitens als Generatoren eines Vokabulars zur Artikulation von vielschichtigen Erfahrungen der jeweiligen Gegenwart und drittens als Foren öffentlich relevanter Themen verstanden. Auch die Wirkungen differenter Öffentlichkeiten auf die unterschiedlichen Literaturen werden in den einzelnen Beiträgen des Handbuchs behandelt.
Die Beiträge des Handbuchs Literatur und Öffentlichkeit beschäftigen sich in unterschiedlicher Weise mit der grundlegenden Frage, was Literatur eigentlich ausmacht. Die Herausgeber:innen gehen davon aus, dass Publizität – in welchem Umfang, welcher Form und in welchen Medien auch immer – zu den grundlegenden Konstituenten jeder Literatur gehört und zu jeder Zeit gehörte. In Überblicks- und Spezialartikeln zeigen die Beiträge des Handbuchs, wie, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen Literatur als stets öffentliche, aber nicht unbedingt allen zugängliche Darstellungsform wahrgenommen werden kann. So bestimmen ökonomische, sprachliche oder politische Aspekte die Zugänge zu und die Rezeption von Literaturen. Daran anknüpfend loten die Beiträge aus, was die Ein- und Ausschlussmechanismen von Öffentlichkeiten für unterschiedliche Gesellschaften und soziokulturelle Milieus bedeuten.
Das Handbuch sucht eine heuristische Verbindung systematischer mit globalhistorischen Perspektiven und aktuellen Diskussionszusammenhängen herzustellen. Der zweite Teil – Grundlagen – widmet sich der systematischen Entfaltung der Beziehung von Literatur und Öffentlichkeit. Der dritte Abschnitt – Perspektiven – entfaltet ausgewählte Zugänge und methodische Ansätze, die auf der Basis eines gegenwärtigen Diskussionsstandes für die Interdependenzen von Literaturen und Öffentlichkeiten besonders produktiv erscheinen. Eine systematische, kulturtheoretisch ambitionierte Durchdringung des Geltungszusammenhangs von Literatur und Öffentlichkeit ist nicht ohne globalhistorische Relativierungen und aktuelle diskursive Standortbestimmungen sinnvoll. Daher werden in Teil 4 – Globalhistorische Dimensionen – zunächst unterschiedliche historische Konstellationen von Literatur und Öffentlichkeit skizziert und in Teil 5 – Literarische Positionierungen in der Gegenwart – rezente und virulente Themenfelder exemplarisch kartographiert.
Inhaltsverzeichnis
I . Einführung
Öffentlichkeit als Konstituens von Literatur
II. Grundlagen
- Aufmerksamkeit
- Differente Öffentlichkeit(en)
- Große und kleine Literaturen
- Kommunikationssteuerung
- (Kulturelle) Differenz
- Lesen, Sehen, Hören
- Literatur und Ethik
- Literatur und politische Institutionen
- Literaturbetrieb
- Literaturskandale
- Materialität und Literatur
- Mediensysteme
- Politische Literatur
- Schreiben
- Übersetzen
- Veröffentlichen
- Zirkulieren
III. Perspektiven
- Anthropologie
- Digital Humanities
- Environmental Humanities
- Gender und Queer Studies
- Global Studies
- Interkulturalität
- Intersektionalität
- Komparatistik/Vergleichende Literaturwissenschaft
- Literatursoziologie
- Medical Humanities
- Medienethik
- Medienökonomie
- Postcolonial Studies
- Public Humanities
- Translationswissenschaften
IV. Globalhistorische Dimensionen
- Antike
- Mittelalter
- Frühe Neuzeit
- 18. Jahrhundert
- 19. Jahrhundert
- 1. Hälfte 20. Jahrhundert
- 2. Hälfte 20. Jahrhundert
- 21. Jahrhundert
V. Literarische Positionierungen in der Gegenwart
- Alter
- Anthropozän
- Arbeit
- Armut
- Bioethik
- Energie
- Erinnerungskulturen
- Fake News
- Identitäten
- KI/Digitalisierung
- Kindheit/Jugend
- Krieg
- Migration
- Neue Rechte
- Ökologie
- Pop
- (Das) Postmigrantische
- Shoa/Holocaust
- Soziale Medien
- Tod und Leben
- Virtualität
- Widerstandskulturen